Wie soll die Schweiz im Jahr 2040 aussehen?

Die Ergebnisse der Umfrage «Baue deine Schweiz der Zukunft» liegen vor. Sie sind teilweise überraschend, widersprüchlich und voraussehbar. In erster Linie sind sie aber eine Aufforderung an die Baubranche, eine dichtere, modernere und nachhaltigere Schweiz zu bauen.

 

Wie will die Schweizer Bevölkerung bis im Jahr 2040 wohnen, sich fortbewegen, arbeiten, konsumieren und ihre Freizeit verbringen? Um Antworten darauf zu finden, ist der SBV im Rahmen seiner Kampagne «Tour d’horizon» auf die Bevölkerung zugegangen. Insgesamt haben über 6’000 Personen ihre Vision der Schweiz von 2040 skizziert, mit allen damit verbundenen Auswirkungen auf die Transportinfrastruktur, die Stadtentwicklung und die Verdichtung, den Wohnungsbau und die Perspektiven für Randregionen.

Die repräsentativen Erwartungen der Bevölkerung sind hoch und stehen in einem immer komplexeren Kontext. Da ist zunächst einmal die Mobilität. Die Bedürfnisse haben bereits stark zugenommen, und die Mobilität bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Entwicklungsfaktor für Wirtschaft und Gesellschaft. Zukünftig wünschen die Schweizerinnen und Schweizer kürzere Pendlerstrecken und mehr Home-Office - eine Entwicklung, die sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet hat, Geht es um die Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern, wünscht mehr als die Hälfte (53%) der Schweizerinnen und Schweizer, lokal einkaufen zu können, obschon auch der Online-Handel eine gewisse Bedeutung hat.

Im Jahr 2040 will die Bevölkerung somit hauptsächlich im näheren Umkreis ihres Wohnortes leben, arbeiten und konsumieren. Das bedingt kürzere Strecken, die ungemein komplexer zu handhaben sind, denn 85% der Bevölkerung leben aktuell in den Städten und Agglomerationen, in Gebieten also, die in Zukunft noch weiter verdichtet werden. Es ist also eine grosse Herausforderung, sowohl für Personen als auch für Waren flüssige Transportwege zu gewährleisten, und zwar bis auf den berüchtigten letzten Kilometer.

Individualverkehr vor öV

Um diese Herausforderung wahrzunehmen, muss die Mobilität als Ganzes betrachtet werden. Es braucht eine pragmatische, offene Vision, die alle Transportmittel mit einschliesst. Denn die Schweizerinnen und Schweizer, einschliesslich der Stadtbevölkerung, bevorzugen den motorisierten Individualverkehr (Auto, Motorrad und Roller) vor der sanften Mobilität. Erst dahinter folgt der öffentliche Verkehr. Neben diesem Wunsch nach Unabhängigkeit und individueller Freiheit lässt sich dieses Votum für die individuelle Mobilität mit der Entwicklung alternativer Antriebe erklären (Elektro, Hybrid, Gas, Wasserstoff oder Brennstoffzelle), die das Auto aus ökologischer Sicht wieder attraktiver werden lassen.

Auch neue Mobilitätskonzepte, die eine Kombination aus privatem und öffentlichem Verkehr darstellen, wie Fahrgemeinschaften, autonome Fahrzeuge oder Fahrzeuge in Selbstbedienung, eröffnen neue Möglichkeiten, insbesondere in den Städten und Agglomerationen. Demzufolge entspricht die Verbannung des Autos aus den Stadtzentren nicht dem effektiven Bedürfnis der Bevölkerung. Anstatt verschiedene Transportmittel gegeneinander auszuspielen, sollte man sie im Gegenteil unter einen Hut bringen und die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gewährleisten.

Die Bauwirtschaft nimmt eine Hauptrolle ein, wenn es darum geht, mittels einer leistungsfähigen, bedarfsgerechten Infrastruktur komplexe Lösungen im Bereich der Mobilität umzusetzen. Die Finanzierung der Infrastruktur muss gewährleistet sein, insbesondere in Anbetracht der schwindenden Einnahmen aus der Mineralölsteuer, die mit der Entwicklung alternativer Antriebe auch in Zukunft weiter rückläufig sein werden. Um die Finanzierung und den Ausbau der Bahninfrastruktur (FABI) und den Fonds für die Nationalstrassen und den Agglomerationsverkehr (NAF) langfristig zu sichern, unterstützt der SBV Modelle wie das Mobility Pricing, bei dem die Verkehrsinfrastruktur über eine Abgabe auf den zurückgelegten Kilometer finanziert wird, und zwar unabhängig vom gewählten Transportmittel.

Verdichtung und Urbanisierung

Für 2040 wünschen sich die Schweizerinnen und Schweizer, dass sich die Entwicklung der bebauten Fläche primär in den Städten und Agglomerationen abspielt. Trotzdem möchten sie nicht in Wohntürmen oder Kleinstwohnungen hausen. Der begehrteste Wohnraum ist das Einfamilienhaus und 3- bis 4.5-Zimmer-Wohnungen in Mehrfamilienhäusern mit einer Wohnfläche zwischen 80 und 120 m2. Dies ist eine grosse Herausforderung, denn es geht darum, den Wohnraum zu verdichten und ihn im selben Atemzug grosszügig und qualitativ hochwertig auszugestalten. Dies offenbart einen gewissen Widerspruch, zu dessen Lösung die Baubranche ganz konkrete Antworten beisteuern kann. Würde man die Gebäude in der Schweiz um ein Geschoss aufstocken, könnte das Land beispielsweise eine Million zusätzlicher Bewohner aufnehmen, ohne dass ein einziger Quadratmeter zusätzliches Bauland erforderlich wäre. Andere Ansätze sind die Sanierung und der Umbau sowie auch das Ersetzen bestehender Bauten.

Rahmenbedingungen schaffen, um das Potential auszuschöpfen

Heute wird jede zurückgebaute Wohnung durch zwei neue ersetzt, bei gleichzeitiger Verdreifachung der Wohnfläche. Die Verdichtung geht also nicht auf Kosten der Lebensqualität und des verfügbaren Wohnraums, sondern es geht vielmehr darum, die Gratwanderung zwischen zunehmender Bedürfnisse und Verknappung des Baulandes und der Ressourcen zu meistern, und dabei der Bevölkerung zu ermöglichen, zu erschwinglichen Preisen und in einem ansprechenden, auf sie zugeschnittenen Rahmen zu wohnen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die heutigen Baubewilligungsverfahren vereinfacht und beschleunigt werden. Auch fehlt es an positiven Anreizen, um Verdichtungsprojekte wirtschaftlich attraktiv zu machen und deren Entwicklung voranzutreiben. Der im CO2-Gesetz vorgesehene Ausnützungsbonus geht in diese Richtung. Auch eine Mindestausnützungsziffer könnte sehr wirksam sein. Nicht zuletzt ist auch die Nutzung des Untergrundes so zu regeln, dass Infrastrukturprojekte einfacher und effizienter umgesetzt werden können, um so die immer knappere Baufläche zu schonen.

Dank der Baubranche die Klimaziele erreichen

Dank der Verdichtung kann Wohnraum und Infrastruktur da geschaffen werden, wo sie die Bevölkerung braucht, und der Boden als rares Gut wird geschont. Aber die positiven Auswirkungen auf die Umwelt gehen noch viel weiter. Die bebaute Fläche zu verdichten, bedeutet auch renovieren, umbauen und sanieren. Oft ist es effizienter, alte Gebäude durch Neubauten zu ersetzen, denn der Energiebedarf eines heute errichteten Gebäudes ist zwischen vier- und siebenmal tiefer als derjenige eines Gebäudes mit Baujahr 1980 oder früher. Aktuell macht der Gebäudepark 45% des gesamten Energieverbrauchs der Schweiz und mehr als einen Viertel der CO2-Emissionen aus. Damit wird deutlich, dass der Hochbau das grösste Potential aufweist, um die Klimaziele der Schweiz zu erreichen. Aus diesem Grund unterstützt der SBV das neue CO2-Gesetz mit dem Gebäudeprogramm als einer der wichtigsten Bestandteile. Die Umsetzung des Gesetzes muss es den Kantonen ermöglichen, ihr Potential auszuschöpfen und die Ausnützungsquote neuer Gebäude markant zu erhöhen. Zudem müssen Gebäudeprogramme der Kantone Ersatzneubauten begünstigen.

Positive Anreize

Es braucht einen beherzten Ausbau der kantonalen Förderprogramme. Die Sanierungsquote beispielsweise liegt bei gerade einmal 0.9%. Bei diesem Tempo würde es Jahrzehnte dauern, bis beim Treibhausgasausstoss eine Reduktion erzielt werden kann! Heute verzichten viele grosse öffentliche Bauherren auf die Gelder aus den kantonalen Förderprogrammen, so gross sind die Hindernisse. Ohne Letztere jedem Projekt in jedem Kanton einzeln aufzuzwingen, könnten Poollösungen für institutionelle Auftraggeber auf nationaler Ebene wie beispielsweise Pensionskassen geschaffen werden.

Kreislaufwirtschaft

Die Bauwirtschaft verfügt zudem über weitere Hebel, um das Klima zu schützen, insbesondere im Bereich der Baumaterialien und der Technologie. Um das volle Potential der Kreislaufwirtschaft auszuschöpfen, müssen die Rahmenbedingungen während des ganzen Lebenszyklus stimmen, angefangen bei der Produktion von Baustoffen im Inland sowie der Wiederverwertung von Materialien. Zudem sollte die öffentliche Hand als Bauherrin mit gutem Beispiel vorangehen und Projekte mit wiederverwerteten Materialien fördern, um der Branche möglichst viele positive Impulse zu geben.

Ländliche Gebiete und Bergregionen

Die Schweizer Bevölkerung (die grossmehrheitlich in den Städten und Agglomerationen wohnt) betrachtet die ländlichen Gebiete und die Berge in erster Linie als Freizeitdestinationen. Zwar ist das Tourismusangebot in ihren Augen essentiell, es soll aber nicht über den bestehenden Rahmen hinauswachsen. Zudem schätzen rund 40% der Befragten, dass die Wasserkraft in den Bergregionen ausgebaut werden muss, während sich ein ähnlich grosser Anteil jeglichem Ausbau widersetzt.

Für die Einwohnerinnen und Einwohner in diesen Regionen eröffnen Home-Office und Digitalisierung neue Möglichkeiten. Zahlreiche Arbeiten können komplett oder zu einem grossen Teil von zu Hause aus oder einem Büro in den Bergen erledigt werden. Dank diesen neuen Arbeitsmodellen können junge, gutausgebildete Berufsleute für eine Tätigkeit in einem zukunftsträchtigen Bereich in abgelegeneren Regionen angezogen (oder behalten) werden. Das verleiht diesen Regionen neuen Schwung und vermindert gleichzeitig das Risiko der Abwanderung von Teilen der Bevölkerung. Die Bauwirtschaft trägt zu dieser Belebung bei, indem sie Arbeitsplätze bietet. So ist die Branche in den Bergregionen und den ländlich geprägten Kantonen unter den drei wichtigsten Arbeitgebern. Im Wallis ist die Baubranche die zweitgrösste Arbeitgeberin, im Kanton Graubünden steht sie gar an erster Stelle. Am BIP gemessen trägt der Bau beispielsweise 27% zum BIP des Kantons Uri bei. Landesweit sind es 10%,

Raumplanung und Infrastruktur

Ländliche Gebiete und Bergregionen müssen sich auch im Immobilien- und Infrastrukturbereich weiterentwickeln können. So fordert der SBV, dass das RPG 2 in gewissen Bereichen flexibler ausgestaltet wird, um das Potential der betroffenen Kantone auszuschöpfen und gleichzeitig eine klare Abgrenzung zwischen Bau- und Nichtbaugebiet zu machen. Die Rahmenbedingungen müssen proportional ausgestaltet sein, insbesondere was die Umnutzung sowie die Vergrösserung bestehender Bauten angeht.

Die Dynamik der Bergregionen hängt von einer auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner zugeschnittenen Transportinfrastruktur ab, aber auch auf diejenigen der zahlreichen Touristen, für die die Berggebiete in erster Linie eine Tourismusdestination sind. Bei der Planung dieser Infrastruktur darf nicht nur auf deren Auslastung abgestützt werden, sondern es muss auch deren strategische Bedeutung für die Tourismusregionen berücksichtigt werden, die mit starken saisonalen Schwankungen konfrontiert sind. Auch das Ausrollen der digitalen Infrastruktur, allen voran 5G, muss beschleunigt werden, um den Regionen überhaupt die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln, ohne dabei die wichtige Rolle dieser neuen Technologie in der Umsetzung von innovativen, zukunftsträchtigen Lösungen zu vergessen, sowohl in den Randregionen wie auch in den grossen urbanen Ballungsräumen.

 

Downloads:

Autor: admin

Artikel teilen